CORD MEIJERING COMPOSER

"No man ever steps in the same river twice" (Heraclitus)

CORD MEIJERING
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MARSYAS - SYMPHONY FOR PERCUSSION
composed in
2018/19

1. 예술
THE ART – DIE KUNST

2. 도전
THE CHALLENGE – DIE HERAUSFORDERUNG

3. 살껍질을 벗기우다
THE FLAYING – DIE HÄUTUNG
1919.03.01 만세운동의 희생자를 추모하며
To the memory of the victims of March 1, 1919 Zum Gedenken an die Opfer des 1. März 1919

4. 카타르시스
CATHARSIS – KATHARSIS

duration
approx. 90 min.

dedicated to
- Eunbi Jeong

first performance
March 1, 2019
Akademie für Tonkunst, Wilhelm-Petersen-Saal, Darmstadt, Germany
- Eunbi Jeong, percussion

publisher
EDITION MEIJERING

program notes (german)
Die Geschichte vom griechischen Satyr Marsyas spricht von großer Kunst, von Leichtsinn, von übergroßer Grausamkeit und von unvorstellbar großem Schmerz.

Außerdem erzählt sie von der Erfindung der ersten Trommel dieser Welt.

Marsyas war ein meisterhafter Musiker, der in seiner Freude über seine große Kunst leichtsinnig wurde und den griechischen Gott Apollo zum Musik-Wettbewerb herausforderte.

Apollo, hierüber verärgert, stimmt zu, unter der Bedingung, dass der Gewinner mit dem Verlierer machen darf, was er will.

Nur mit einem Trick gelingt es Apollo zu gewinnen, denn eigentlich spielten beide gleich gut. Bei Marsyas Spiel auf dem Aulos tanzten die Menschen wild. Bei Apollos Spiel auf der Lyra wurden sie still und weinten.

Anstatt Respekt vor der großen künstlerischen Leistung des Marsyas zu haben und mit ihm gemeinsam zu spielen, fordert Apollo seinen Gewinn ein: Er fesselt Marsyas an einen Baum und zieht ihm bei lebendigem Leibe die Haut ab. Er spannt diese Haut über einen ausgehöhlten Baumstamm und erfindet so die erste Trommel dieser Welt.

Die alte griechische Geschichte wurde vom Komponisten mit der Grausamkeit des 1. März 1919 kombiniert und damit zu einem politischen Symbol erhoben: Sowohl Korea als auch Japan haben eine reiche, wunderbare Kultur, eine großartige Kunst. Die Kultur beider Länder basiert auf der Jahrtausende-alten chinesischen Kultur. In diesem Sinne sind Korea und Japan eigentlich Geschwister. Die koreanische Unabhängigkeits-Proklamation des 1. März 1919 ist voller Schönheit im Gedanken, in der Sprache und in der Freundlichkeit. Jedoch, Japan verhält sich gegenüber Korea so wie Apollo es Marsyas gegenüber tat. Anstatt Respekt vor der Schönheit der anderen Kultur zu haben und mit ihr zusammen zu arbeiten, ermorden die Japaner als Antwort auf die Proklamation unzählbar viele der koreanischen Demonstranten.

Im sinfonisch angelegten 1. Satz ist das Instrumentarium so zusammengestellt, dass – trotz der Tatsache dass es sich vornehmlich um Becken und Concert Toms handelt – ein für Schlagzeug unübliches polyphones Spiel möglich wird. Die Aufstellungsrichtung vom größten Tom bis hin zum kleinsten verhält sich gegenläufig zur Aufstellung der Becken. Dies ermöglicht kontrapunktische Gegenbewegung.

Während der erste Satz von expressivem Charakter ist, wendet sich der 2. Satz nach innen. Das Instrumentarium wird reduziert auf eine Große Trommel allein. Es entsteht ein innerer, ritualhaft mahlender Monolog, der trotz der begrenzten instrumentalen Mittel versucht, eine sinfonische Polyphonie entstehen zu lassen.

Im 3. Satz rezitiert die Schlagzeugerin den gesamten Text der Proklamation von 1919 und musiziert dabei ein 굿거리 (Gudgeori) auf schamanischen Instrumenten. Der Originaltext ist in alt-koreanischer Sprache verfasst, die im Original sowohl aus 한자 (Hanja = alte chinesische Zeichen) als auch aus 한글 (Hangeul = koreanisches Alphabet) besteht. Die Komposition dieser Musik war für den Komponisten besonders aufwendig, da die über 1000 Hanja-Zeichen sowie die koreanischen Textelemente einer genauen Übersetzung bedurften.In der Partitur erscheint der Text in einer Übertragung, die einerseits aus dem modernen koreanischen Alphabet besteht, andererseits aber das Vokabular der alt-koreanischen Sprache des Text-Originals erhält. Das klingende sprachliche Ergebnis ist von modernen Koreanern nur sehr bruchstückhaft zu verstehen. Die Schlagzeugerin, die in diesem Satz zur Schamanin wird, bringt unter anderem Instrumente zum Einsatz, die zum Anlocken von Raubtieren konstruiert wurden. Ein Gudgeori ist ein Rhythmus, der in der traditionellen Musik oft bei der Erscheinung von Geistern und in Totenritualen erklingt. Der Satz schließt mit der Aufzählung der Namen der Verfasser der Proklamation, interpunktiert von peitschenartigen Schlägen der 죽비 (Djugbi), einem Instrument der buddhistischen Meditation.

Der abschließende 4. Satz bildet den meditativen, reinigenden Abschluss der Sinfonie. Er folgt dem 진양조 (Jinyangjo), einem Rhythmus, der in der traditionellen koreanischen Musik oft im Zusammenhang mit (Han = tiefe, fermentierte Trauer) den Klang strukturiert. In moderner westlicher Notation erscheint er in Gestalt eines Wechsels von 12/8 und 6/8-Takt, die zusammen eine Phrase ergeben. Diese Phrase wird in unterschiedlichen Akzentuierungen vier mal wiederholt. Nach der letzten Wiederholung beginnt der Jinyangjo aufs neue. Bei jedem nun folgenden Durchgang wechselt seine Gestalt, insbesondere durch Variation der mit dem Jinyangjo kontrapunktierenden Stimmen.